Bernd Doll zur Eröffnung
Rede von Bernd Doll anlässlich der Lokalen Agenda im Bürgerzentrum
Global
denken lokal handeln war das Motto der Umweltkonferenz in
Rio de Janeiro. Seit 1992 haben mehr als 170 Staaten, darunter auch die
Bundesrepublik Deutschland, ein weltweites Aktionsprogramm für das
21. Jahrhundert, die Agenda 21 verabschiedet. Zwar stellt die Präambel
ausdrücklich klar, dass in erster Linie die Regierungen verpflichtet
sind, die Agenda 21 zu verwirklichen, dennoch kommt den Kommunen bei der
Umsetzung eine entscheidende Rolle zu, da viele Probleme und Lösungsansätze,
die hier behandelt werden, auf lokaler Ebene wirksam sind.
Im Mittelpunkt des Aktionsprogrammes steht die nachhaltige
Entwicklung in ökonomischer, sozialer und ökologischer Hinsicht.
Unter Nachhaltigkeit versteht man ein Wirtschaften und politisches Gestalten
in der Gegenwart, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre
Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können. Angesichts einer
immer schneller wachsenden Weltbevölkerung vor kurzem wurden
die 6 Milliarden erreicht will die Agenda 21 globale Verbesserungen
durch lokale Veränderungen schaffen.
Was genau heißt aber nun Lokale Agenda?
Schon in der Wortbedeutung steckt die Bewegung, denn agenda
heißt wörtlich übersetzt, handeln, etwas in Bewegung
setzen. Diese Bewegung soll lokal, also vor Ort erfolgen und eine
nachhaltige Wirkung bis weit ins 21. Jahrhundert entfalten. Dies ergibt
damit auch eine Gestaltungsfreiheit und die einmalige Chance, neue Wege
zu gehen. War die Beteiligung der Bürger bisher rein auf die Umsetzung
beschränkt, sollen diese bei der Lokalen Agenda bereits bei der Festlegung
von Zielen eingebunden werden. Ebenso will man örtliche Organisationen
und die Privatwirtschaft am Prozess beteiligen. Aufgaben und Probleme
bekommen einen völlig anderen Charakter, wenn alle, die es irgendwie
betreffen könnte, mit am Tisch sitzen.
Aus diesem Grunde hat sich der Gemeinderat für den
Anstoß einer Lokalen Agenda in Bruchsal ausgesprochen. Am 20. Oktober
dieses Jahres fand im Fürstensaal des Schlosses eine politische Veranstaltung
zur lokalen Agenda mit dem Minister für Umwelt und Verkehr, Ulrich
Müller, statt. Hier konnten Vertreter örtlicher Organisationen
und auch interessierte Bürger einen ersten Einblick erhalten, was
die Agenda zu leisten vermag. Thema war die Agenda auch beim 1. Bruchsaler
Planergespräch, bei dem sich Fachleute über Nachhaltigkeit und
Partizipation informieren konnten.
Mit der Auftaktveranstaltung heute wollen wir Sie, liebe
Mitbürgerinnen und Mitbürger, ganz herzlich einladen, bei der
Agenda mitzuwirken. Schon im Vorfeld haben wir in der Fußgängerzone
eine Fragebogenaktion gestartet, bei der wir über Ziele und Inhalt
der Agenda informiert und gleichzeitig erfragt haben, wo aus Ihrer Sicht
im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung kommunalpolitischer Handlungsbedarf
besteht. So wurde bspw. angeregt, Biografien Bruchsaler Bürger zu
erstellen und Ereignisse und Begebenheiten zu dokumentieren. Auch das
ökologische Potenzial moderner Kommunikationstechnologie in den Bereichen
Verkehr und Energie war einem Bürger ein Anliegen. Die Themenbereiche
sind breit gestreut und wir erhoffen uns noch weitere Anregungen. In den
Grundschulen erfolgte ein Malwettbewerb zum Thema Wie soll Deine
Schule/Deine Stadt in Zukunft aussehen? und an den Haupt-, Realschulen
und Gymnasien wurden Fragebogen entsprechend den Altersstufen verteilt.
Die Agenda 21 liegt mir am Herzen. Ich hoffe, dass zwischen
Bürger, Politik und Verwaltung zukünftig ein Dialog entsteht,
der das Leben in unserer Stadt qualitativ bereichern wird.
Schon Aristoteles und Platon lebten im Jahre 400 v. Christus
in der polis. In dieser demokratischen Staatsform, die uns
heute noch Vorbild ist, bedeutete Bürger sein das Recht,
an der Gemeinde und ihren Angelegenheiten Anteil zu nehmen. Auch heute
kann eine Kommune nur funktionieren, wenn Bürger sich für die
Angelegenheiten ihrer Stadt stark machen. Demokratie heißt, sich
in die eigenen Angelegenheiten einmischen, wie Max Frisch sagt. Mit diesem
urdemokratischen Mitwirkungsprozess soll der Versuch unternommen werden,
ganz im Sinne von Rio ein Leitbild der Stadt zu entwickeln, das der Nachhaltigkeit
und dem Ressourcenbedarf künftiger Generationen gerecht wird. Schon
heute haben viele Mitbürger erkannt, dass die Umsetzung dieser Ziele
nur durch ihre konkrete Mitarbeit erfolgen kann. Ich denke dabei nicht
nur an die Gemeinderäte, die ehrenamtlich Zeit und Arbeit für
das Gemeinwesen opfern. Hunderte von Bürgern engagieren sich in örtlichen
Organisationen für das Wohl anderer. Die Summe all dieses Engagements
macht die Kommune aus. Ich weiß, dass die ehrenamtliche Arbeit nicht
immer mit Freude verbunden ist. Neben der Ehre bringt das Ehrenamt gleichzeitig
auch Verantwortung und Verpflichtung mit sich. Es steht jedoch außer
Frage, dass die Aktion Lokale Agenda nur ein Erfolg werden kann, wenn
es uns gelingt, genügend Interessierte zu einer aktiven Beteiligung
zu motivieren. Es sind sowohl Köpfe als auch Hände gefordert,
die bereit sind, Zeit zu opfern und mitzuarbeiten. Ihre Mitarbeit, liebe
Zuhörerinnen und Zuhörer, wird entscheiden, ob die Agenda 21
in Bruchsal zu einem Erfolg oder Misserfolg wird.
Zur Mitarbeit möchte ich alle Altersklassen auffordern.
Unsere älteren Mitbürger verfügen über Erfahrungen,
die für den Prozess der Agenda von unschätzbarem Wert sind.
Junge Menschen sind unsere mündigen Bürger von morgen. Sie sollen
deshalb schon heute zur Identifikation mit den Zielen der Agenda erzogen
werden. In diesem Zusammenhang möchte ich mich ganz herzlich bei
dem 14-jährigen Oleg Schulz von der Musik- und Kunstschule Bruchsal
bedanken, der das Bruchsaler Agenda-Logo entworfen hat.
Die sich an den Händen haltenden Figuren verkörpern den Leitgedanken
der Agenda: gemeinsam denken, handeln und umsetzen.
Vor wenigen Tagen wurde ich von einigen Bürgerinnen
und Bürgern angeschrieben, mit der Bitte, auch die Belange der Frauen
im weiteren Prozess zu berücksichtigen. Ausdrücklich möchte
ich deshalb die Frauen einladen, sich und ihre Ideen in den Prozess einzubringen.
In Bruchsal leben 52% Frauen, ihre Interessen sollen und müssen im
Agenda-Prozess berücksichtigt werden. Die Frauenbeauftragte der Stadt
Bruchsal, Frau Inge Ganter, wird im Agenda-Prozess verankert werden und
ein Netzwerk für frauenspezifische Themen innerhalb des Gesamtprozesses
moderieren bzw. organisieren.
In den meisten Städten ist die Lokale Agenda nur ein
weiteres Forum für die Umweltverbände geworden. Hier in Bruchsal
dagegen wollen wir Themen aus allen Bereichen angehen. Es wäre blauäugig,
allein auf der ökologischen Grundlage eine allgemein verantwortliche
Politik gestalten zu wollen. Die Ökonomie und sehr verwandt damit
die soziale Gerechtigkeit müssen als Wertrelevanzen in die Gesamtschau
von Denken und Handeln einbezogen werden.
Die Erfüllung der Botschaft von Rio kann nicht herbei
geredet werden und erst recht nicht verordnet werden. Sie entsteht und
wächst aus der Eigeninitiative der Bürgerinnen und Bürger.
Der Prozess kann und muss aber unterstützt werden: Die Förderung
stellt für die beteiligten öffentlichen und fachlichen Institutionen
eine kontinuierliche Gestaltungs- und Unterstützungsaufgabe dar.
Aus diesem Grunde wird die Stadt Bruchsal eine partnerschaftliche Praxisbegleitung
durch Fachkräfte zur Verfügung stellen. Betrachten Sie die kommunale
Politik und die Verwaltung nicht als Widerpart, gegen den es die eigenen
Interessen als Bürgerin oder Bürger durchzusetzen gilt. Begreifen
Sie uns als Partner, der gemeinsam mit Ihnen Bruchsal gestalten will.
Machen Sie unsere gemeinsame Sache zu Ihrer ureigenen Sache.
Es wurden durch die Verwaltung bereits Bestandsaufnahmen
durchgeführt und Ziele formuliert, die im Rahmen der Lokalen Agenda
erreicht werden sollen. Experten aus den Fachbereichen der Verwaltung
werden die Arbeitskreise, die sich heute entwickeln sollen, bei Bedarf
beraten. Als Schwerpunktthemen für die Arbeitskreise sind vorgesehen:
- Nachhaltige Stadtentwicklung und Mobilität
- Umwelt und Energie
- Gesellschaft, Soziales und Kultur.
Ich werde Ihnen den Prozess-Ablauf anhand einer Folie kurz
erläutern.
Wer interessiert ist, an einem der Arbeitskreise mitzuwirken,
kann sich beim neu gegründeten Agenda-Büro melden. Ansprechpartner
hier sind Herr Hambsch und Frau Butz vom Amt für Vermessung, Umwelt
und Liegenschaften. Selbstverständlich müssen Sie sich nicht
sofort für die Mitarbeit in einem Arbeitskreis entscheiden. Sie erhalten
eine unverbindliche Einladung zur ersten Arbeitskreissitzung, wenn Sie
den im Foyer ausliegenden Fragebogen ausfüllen und in die dazugehörige
Urne werfen. Zudem werden wir den ersten Sitzungstermin auch in der Presse
veröffentlichen.
Die Zahl der hier versammelten interessierten Bürgerinnen
und Bürger zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind und sie
macht mir Hoffnung, dass in Zukunft Bruchsalerinnen und Bruchsaler gemeinsam
an einem Strang ziehen, zum Wohle unserer Stadt. Die Mitarbeit bei der
Agenda 21 ist auch ein Stück weit demokratische Teilhabe. Ich appelliere
deshalb an jeden einzelnen Bruchsaler Bürger: Beteiligen Sie sich
aktiv am Prozess Lokale Agenda 21, opfern Sie ein wenig Ihrer Zeit für
eine Sache, die uns allen am Herzen liegt! (Denn wer nicht bereit ist,
selbst beim Agenda-Prozess mitzumachen, muss mit dem leben, was andere
für ihn entschieden haben!)
| (c) Lokale Agenda 21 Bruchsal | Impressum |
Bernd Doll im Internet
Bernd Doll ist Oberbürgermeister der Stadt Bruchsal,
seine Internetseite lautet:
http://www.bernd-doll.de
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